Die Ziegeleien der mittleren Havelregion bei

Brandenburg an der Havel

beiderseits der Havel von Ketzin (Linie westlich der OHKB) bis Pritzerbe,

Region Lehnin, Beetzseeregion und Region Wusterwitz

      

Die Ziegeleien stellen leider ein von Industriearchäologie und Denkmalschutz stark vernachlässigtes Gebiet dar. Oftmals zeugen nur noch die Stempel, die die Ziegeleiarbeiter in den noch feuchten Ton des Ziegels gedrückt haben, von der ehemaligen Existenz dieser Ziegelei. Die Stempel geben in der Regel den Produktionsstandort der Ziegelei oder den Namen des Ziegeleibesitzers wieder. Das Stempeln der Ziegel hat eine ebenso lange Tradition wie die Ziegelherstellung selbst.

Ein Adressbuch der Ziegeleien von 1901 nennt für die preußische Provinz Brandenburg 903 dampf- oder handbetriebene Ziegeleien. Bekannte Ziegeleibesitzerfamilien aus der Gegend hatten mehrere Ziegeleibetriebe, u. a. auch im großen Zehdenicker Ziegeleirevier, wie Jöllenbeck, Hornemann, Gantzer u.a..1905 gab es in der Mark Brandenburg 227 Ziegeleien die ca. 1 775 Millionen Ziegelsteine allein nach Berlin lieferten. Eine gewaltige Anzahl, aber wenn man bedenkt, dass ein fünfgeschossiges Mietshaus rund 1,5 Millionen Ziegelsteine verschlungen haben soll, dann doch nicht so immens viel. Ca. 40- bis 50.000 Ziegelsteine konnten auf einem damals üblichen Kahn verladen werden. Bei diesen Zahlen dann doch wieder ein erheblicher logistischer Aufwand. Alles geschah in Handarbeit: Wie oft wurde ein Ziegelstein von der Herstellung bis zum Einbau auf der Baustelle in die Hand genommen? Paletten, Fließbänder, Gabelstapler, all das gab es um 1900 noch nicht!

Die Qualität eines Ziegelsteins hängt nicht nur von seiner Verarbeitung ab, sondern ganz entscheidend ist die Qualität des Ausgangsmaterials, des verwendeten Tones. Der hier in der mittleren Havelregion gefundene Ton eignete sich auf Grund seiner chemisch-physikalischen Struktur nicht sonderlich, meist überhaupt nicht für die Herstellung von Klinkern, sondern eher für Hintermauersteine, weshalb hier in der Gegend die Häuserwände deshalb auch meist verputzt sind. Entsprechendes Material für die Produktion von hochwertigen Klinkern fand sich in der Gegend so ab Pritzerbe und um Rathenow. In postglazialer Zeit reichten die Hochwasser der Elbe zwischen Burg und Tangermünde in Richtung Rathenow und Brandenburg, wo sie ihren Schlick absetzten. Der Elbeton ist kalkfrei und eisenhaltig, was den Ziegeln beim Brennen die satte rote Farbe verleiht. Der kalkhaltige (13 - 25 %) Havelton färbt sich dagegen eher gelblich.

Brannte man ursprünglich in Feldbranndöfen oder ähnlichen, errichteten viele Ziegeleien nach seiner Erfindung einen Hoffmannsehen Ringofen zur Steigerung der Produktion. Auch hier in der Gegend standen sogar noch bis in die 1960er Jahre einige davon, aber meist sind sie alle im Laufe der Zeit spurlos verschwunden. Teilweise erinnern noch Namen wie "An der Ziegelei", "Rote Ziegelei" oder "Alte Ziegelei" an die Existenz einer ehemaligen Ziegelei.

Die meisten Ziegeleien stellten zu Beginn des 20.Jh. den Betrieb ein und sind bis auf wenige Reste nicht mehr vorhanden und oft auch kaum mehr nachzuvollziehen. Die Gründe des Ziegeleisterbens waren mehrschichtig. Immer mehr Vorkommen waren erschöpft und es mussten neue Lagerstätten erschlossen werden. Mit Feldbahnen holte man den Ton aus weit entfernten Tongruben. Reichten für das innerbetriebliche Bewegen der Loren meist Pferde oder Muskelkraft der Arbeiter, waren auf den längeren Strecken kleine Loks notwendig.

  

Noch in den 1970er Jahren zeugten vorhandene Gleisreste im Straßenpflaster von Lehnin von den einst zahlreichen Werkbahnen der Ziegeleien,

Straße von links unten nach rechts oben - Belziger Straße mit Werkbahngleis von Michelsdorf kommend und im Bogen die Straße querend, Straße nach links - Kaltenhausen mit Gleis zum Bahnhof, Straße von rechts - Gohlitzer Straße mit Werkbahn von Rädel, Foto: 30.06.1973 © H. M. Waßerroth

    

Werkbahngleis der Ziegeleien in Lehnin in der Straße Kaltenhausen Richtung Bahnhof, Foto: 30.06.1973 © H. M. Waßerroth

    

Deutz Motorlok (Fabr.-Nr. 2457, Bauart C XIV F, wahrscheinlich Baujahr Ende 1916, für Heeresfeldbahnen),

Spurweite 670 mm, in einer Lehniner Ziegelei 1922 (nähere Angaben leider nicht bekannt),

Foto: unbekannt, Slg. H. M. Waßerroth

Eine ähnliche Lok (Fabr.-Nr. 3119, Baujahr 1917) kam Ende April 1924 mit Spurweite 630 mm zur Zgl. Jöllenbeck nach Ketzin

     

Warfen die Ziegeleien im Bauboom im ausgehenden 19. Jahrhundert gute Gewinne ab, änderte sich das zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Schlimm traf es die Ziegelindustrie mit dem Rückgang der Bautätigkeit, dann mit dem Ersten Weltkrieg, wo es kaum noch Arbeitskräfte gab und danach der Inflation. All das haben die meisten Ziegeleien nicht überstanden. Hinzu kam die Entwicklung immer neuerer Baustoffe wie Kalksandstein, Beton u.a..

Mit ihrer vornehmlich auf Handarbeit ausgerichteten Produktionsweise konnten sie mit dem technische Fortschritt kaum mithalten. Viele Ziegeleien setzten zwar Dampfmaschinen ein, um den Produktionsprozess zu mechanisieren, aber trotzdem blieb viel Handarbeit. Dampfmaschinen dienten entweder für den Antrieb von Generatoren zur Stromerzeugung, als Antrieb für die Maschinen der Tonverarbeitung über Transmissionen oder ganz einfach für den Antrieb von Seil- oder Kettenförderanlagen, um zum Beispiel die Loren aus der Tongrube heraus zu befördern. Außerdem war der Einsatz von Strangpressen, die 1865 entwickelt wurden, meist wegen der Beschaffenheit des Haveltones für die Ziegelformung aber vornehmlich der Kosten wegen eine Ausnahme. Die Ziegel wurden weiter per Hand in Holzformen gestrichen. Irgendwann hatten sie den Anschluss an den technologischen Fortschritt verloren. Die neuen Ziegeleien im Zehdenicker Raum leisteten ein Vielfaches der hiesigen Standorte.

Viele Ziegeleibesitzer versuchten deshalb bald ihre Betriebe zu verkaufen, meist auf Abbruch. Hierauf hatten sich bereits Unternehmen spezialisiert, ließen sich die Steine und das Inventar meist noch gewinnbringend weiter verkaufen.

Nur die Ziegelei Glindow am Glindower See (hier wegen ihrer Lage nicht Gegenstand der Betrachtung) ist als einzige in der Mark Brandenburg als technisches Denkmal noch in Funktion und heute für Herstellung von Ziegel aller Art für den Denkmalschutz ein wichtiger Betrieb.

Wenn auch die Ziegeleien wieder verschwunden sind, haben sie doch in der hiesigen Landschaft nachhaltige Veränderungen hinterlassen. Viele kleine oder zergliederte größere Wasserflächen zeugen vom Tonabbau. Die
Tongruben der Havelgegend lagen meist ziemlich tief und hatten somit mit Grundwasserschwierigkeiten zu kämpfen. Wurden die Gruben nicht mehr bewirtschaftet, liefen sie voll Wasser. Die Natur eroberte sich das Gelände zurück und bildet heute einzigartige meist geschützte Biotope für Pflanzen und Tiere.

Auf vielen ehemaligen Ziegeleiliegenschaften sind im Laufe der Zeit Wochenendsiedlungen, Einfamilienhäuser o.ä. entstanden.

Es ging aber auch anders: geschäftstüchtige Ziegeleibesitzer kamen mit Niedergang der Ziegeleien schnell auf die Idee, die alten Tongruben mit Berliner Hausmüll wieder zu verfüllen, ein einträgliches Geschäft. Treffendstes Beispiel ist die Mülldeponie Vorketzin, letztendlich eine riesige Umweltsünde. Sie sicherte der ständig devisenhungrigen DDR Zeit ihres Bestehens gute Einnahmen. Nach dem 2. Weltkrieg kam auch Trümmerschutt aus dem zerstörten Berlin zum Verfüllen von alten Tongruben, hier vornehmlich im Lötz bei Päwesin, später auch Hausmüll und Asche aus Westberlin. In modernerer Zeit entstand die Bauschuttdeponie Deetz im Seebruch bei Deetz/Schmergow, wo früher 3 Ziegeleien ansässig waren. Schon zu Betriebszeiten wurde in den Ziegeleien anfallender Ziegelschutt meist wieder in die Gruben gekippt.

Auch erhaltene Bauten mit Hartbrandziegeln errichtet, zeugen noch heute von der einstigen weit verbreiteten Ziegelindustrie. Alle Brücken der ehemaligen Westhavelländischen Kreisbahnen (außer die später errichtete Roskower Eisenbahnbrücke über den Silokanal in Brandenburg an der Havel) haben Widerlager gemauert aus Ziegel der Region. Sogar Wohnhäuser und fast alle Stationsgebäude der Ost- und Westhavelländischen Kreisbahnen bestehen bzw. bestanden aus gelben Haveltonziegeln. Auch Straßenpflaster aus im Fischgrätenmuster längs hochkant gestellten Ziegeln wurde angelegt. Einige Abschnitte davon gibt es heute noch und stehen unter Denkmalschutz (Nähe Ketzür - Feldweg, in Riewend und Klein Behnitz - Kreisstraße K 9642).

   

Ehemalige Brücke der Westhavelländischen Kreisbahnen in Klein Kreutz, Foto: 27.01.2018 © H. M. Waßerroth

(auf dem linken Widerlager die oberen Ziegellagen sind aus jüngerer Zeit)

   

Ehemaliges Beschäftigtenwohnhaus der Westhavelländischen Kreisbahnen in Roskow, Foto: 20.03.2011 © H. M. Waßerroth

      

Wegpflasterung in der Nähe von Ketzür, Foto: 26.05.2018 © H. M. Waßerroth

 

Die nachfolgende Aufstellung der einzelnen Ziegeleistandorte ist der Versuch, eine Übersicht der im Bereich der mittleren Havelregion ehemals ansässigen Ziegeleien mit zusätzlichen Angaben u.a. zu den Werkbahnen zu geben. Es ist ein Anfang, in dem noch so manches Detail fehlt, was eventuell einmal ergänzt werden kann. Ungenauigkeiten oder Irrtümer sind leider nicht ausgeschlossen, da oft die Angaben in verfügbaren Unterlagen ungenau oder nicht selten widersprüchlich sind.

Diese Zusammenstellung soll nicht als Konkurrenz zu anderen Seiten verstanden werden, sondern eine Ergänzung darstellen. Die Angaben sind ohne Gewähr.

Eine große Hilfe bei der Erarbeitung der Angaben war mir das umfassende Werk von Horst Hartwig aus Berlin zur Ziegeleigeschichte Brandenburgs unter: www.horsthartwig.de.

 

Die folgende Aufstellung ist untergliedert in die Bereiche:

    

Standorte Teil 1 (Oberhavel):

Ziegeleien der Havelregion von Ketzin bis Weseram

Ziegeleien der Region Lehnin

Ziegeleien der Havelregion von Klein Kreutz bis Brandenburg (Schleuse)

     

Standorte Teil 2 (Unterhavel):

Ziegeleien der Beetzseeregion

Ziegeleien der Havelregion von Brandenburg (Schleuse) bis Plaue

Ziegeleien der Region Plaue (Wendsee) / Wusterwitz

Ziegeleien der Havelregion von Plaue bis Pritzerbe / Hohenferchesar

    

        

    

nach oben

   

aus zahlreichen Quellen ausgewertet,

aufbereitet und zusammengestellt von H. M. Waßerroth

Vers.: 3.0.0. vom 05.07.2026

© Harumi Michelle Waßerroth