Kleinbahn AG Ziesar - Groß Wusterwitz (KZG)
Kleinbahn AG Groß Wusterwitz - Ziesar - Görzke
Ziesarer Kleinbahn AG

Strecke Wusterwitz - Ziesar in einer Landkarte von 1953, die Stichstrecke von Rogäsen nach Karow war trotz Stilllegung noch immer eingezeichnet, Foto: Slg H. M. Waßerroth

   

Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in Deutschland wie ein Netz immer mehr Eisenbahnlinien, die als Hauptbahnen die wichtigen Zentren miteinander verbanden. Von Berlin gingen diese Linien strahlenförmig aus. Das dazwischen liegende Land blieb unberücksichtigt, blieb von den sich entwickelnden Verkehrsströmen abgekoppelt. Schon bald zeigte sich, dass ein Bahnanschluss wirtschaftlichen Aufschwung bedeutete. Nur äußerst selten entstanden Nebenbahnen, um die weiten Maschen des Eisenbahnnetzes zu verkleinern. Mit der Schaffung der Möglichkeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts, auch Bahnen untergeordneter Ordnung und in vereinfachter Anlage zu bauen, schlug die Stunde der sogenannten Kleinbahnen. Viele bisher nicht von der Eisenbahn erschlossene Gegenden sahen nun ihre Chance, durch den Bau einer Kleinbahn an das Eisenbahnnetz angeschlossen zu werden und so auch mehr am wirtschaftlichen Aufschwung teil zu haben.

1896 erhielt die Töpferstadt Ziesar mit den Bahnhöfen Ziesar West und Ziesar Ost über die schmalspurigen Kleinbahnen des Kreises Jerichow I (KJI) in Burg bei Magdeburg einen Anschluss an die Berlin - Magdeburger Eisenbahn. Ziesar orientierte sich aber mehr nach Brandenburg. Zwar sollte die KJ I über Ziesar hinaus über Wenzlow nach Brandenburg weitergeführt werden, dieses Vorhaben wurde trotz einiger Vorarbeiten (Planierungen und Brückenbauten) aber alsbald aufgegeben. Man war in Ziesar nicht sonderlich zufrieden mit seinem Eisenbahnanschluss. Burg war weit entfernt und das brachte bei einer Schmalspurbahn lange Fahrzeiten und das lästige Umladen der Güter.

Im Sommer 1898 begannen im nahen Genthin durch das Eisenbahnbauunternehmen Lenz & Co die Bauarbeiten für die Kleinbahnen von Genthin nach Schönhausen und nach Milow der "Genthiner Kleinbahn AG" (GeK). In Ziesar wurde dieser Bau mit großem Interesse verfolgt. Als dann diese Bahnen die in sie gesetzten Erwartungen erfüllten und bereits nach kurzer Zeit einen Betriebsüberschuss erwirtschafteten fiel in Ziesar, damals zum Kreis Jerichow II gehörend, der Entschluss, sich ebenfalls für den Bau einer normalspurigen Kleinbahn einzusetzen. Dem Antrag auf Konzession einer Kleinbahn von Großwusterwitz (damaliger Name für Wusterwitz) über Rogäsen nach Ziesar wurde mit Urkunde vom 08.06.1901 stattgegeben. Bereits am 21.05.1901 gründete man die "Kleinbahn AG Ziesar - Groß Wusterwitz" mit einem Stammkapital von 852.000 Mark. Mit dem Bau und Betrieb wurde ebenfalls die Firma Lenz & Co beauftragt.

  

Der frühere Bahnhof Ziesar zur Betriebseröffnung am 01.10.1901, Foto: Slg H. M. Waßerroth

    

Die vorhandene Topografie stellte für den Bahnbau keine großen Probleme dar. Zwischen Warchau und Rogäsen musste das Wusterwitzer (Gollwitzer) Höhenland, welches die umgebenden Niederungen in Spitzen bis zu mehr als 30 Meter überragt, überwunden werden. An seinen Rändern waren in den Rampen längere Dämme und Einschnitte erforderlich.

 

Personenzug von Großwusterwitz im Einschnitt bei Warchau Ende der 1950er Jahre,

Repro: Slg. H.M.Waßerroth

   

Bahnhof Warchau kurz nach Betriebseröffnung, Foto: Slg H. M. Waßerroth

  

Das südlich der Hochfläche gelegene Fiener Bruch wurde mittels eines langen Dammes durchquert und der etwa in der Mitte verlaufende Hauptgraben mit einer Stahlträgerbrücke, dem größten Kunstbau der Strecke, überbrückt. So konnte die gesamte 15,4 km lange Strecke bereits am 01.10.1901 für Personen- und Güterverkehr in Betrieb gehen. Der Endbahnhof Ziesar entstand am nördlichen Stadtrand an der Straße nach Bücknitz kurz vor den KJ I-Gleisen des Bahnhofes Ziesar Ost, von dem die KJ I mit einem Überladegleis anschloss.  

Im Geschäftsjahr 1902/03 wurden 30.938 Personen und 133.387 t Güter befördert.

Bald dachte man über Streckenerweiterungen nach. Vor allem die keramischen Betriebe und die Land- und Forstwirtschaft in Görzke hatten großes Interesse an einem Bahnanschluss. So beschloss man auf der Versammlung am 27.06.1910 die Verlängerung der Kleinbahn von Ziesar nach Görzke und die Erhöhung des Stammkapitals um 619.000 Mark. Außerdem wurde die KZG in "Kleinbahn AG Großwusterwitz - Ziesar - Görzke" umbenannt. Am 11.08.1911 war die Eröffnung der 12,5 km langen Streckenverlängerung. Wegen des Weiterbaues der Strecke nach Görzke musste die KJ I ihren Endbahnhof 300 m zurück verlegen. Ein neuer Endbahnhof der Schmalspurbahn mit Bahnsteig, Ladestraße und 2 neuen Überladegleisen wurde nördlich des Normalspurbahnhofes gebaut.

      

 

Bahnhof Görzke auf einer am 19.06.1914 gelaufenen Postkarte (Ausschnitt), Foto: Slg. H.M.Waßerroth

      

Bahnhof Rogäsen 1910 mit Zug nach Ziesar, vor der Erweiterung, Foto: Slg H. M. Waßerroth

    

Kurze Zeit vorher beschlossen die Aktionäre auf Betreiben von Graf v. Wartensleben den Bau der Stichbahn von Rogäsen nach Karow und die damit verbundene erneute Erhöhung des Stammkapitals um 210.000 Mark. Graf v. Wartensleben gehörte das große Gut in Karow und er war von 1901 bis 1923 Vorsitzender des Aufsichtsrates der Kleinbahn-AG. Diese 5,9 km lange Stichbahn ging mit Eröffnung am 04.02.1912 in Betrieb. Sie zweigte im bis da zweigleisigen Bahnhof Rogäsen, der hierfür um ein drittes Gleis erweitert wurde, ab. Der Endbahnhof Karow lag vor dem Ortseingang, seine Anlagen wurden recht sparsam ausgeführt. Am Streckenende stand ein eingleisiger Lokschuppen, der nach Änderung des ursprünglichen Betriebsablaufes nicht mehr gebraucht und deshalb 1933 abgerissen wurde. Fortan fuhr das einzige tägliche Zugpaar über Rogäsen weiter bis Groß Wusterwitz. Während des ersten Weltkrieges fuhren hier keine Personenzüge.

 

Bahnhof Karow kurz nach Betriebseröffnung, Foto: Slg H. M. Waßerroth

 

Nicht nur an den Endpunkten, sondern auch auf vielen Zwischenstationen hatte die Kleinbahn von Groß Wusterwitz über Ziesar nach Görzke repräsentative Bahnhofsgebäude, was bei Kleinbahnen eher selten war.

 

   
   
von oben nach unten
links alte Aufnahmen: Slg. H. M. Waßerroth
rechts neuere Aufnahmen: © H. M. Waßerroth
Bahnhofsgebäude Großwusterwitz (05.04.1999)
Bahnhofsgebäude Warchau (05.04.1999)
Bahnhofsgebäude Ziesar alter Bf. (09.07.2000)
(Haupt-)Bahnhof Ziesar Güterschuppen (09.07.2000)
Bahnhofsgebäude Köpernitz
Bahnhofsgebäude Buckau
Bahnhofsgebäude Rottstock - Struvenberg (abgerissen)
Bahnhofsgebäude Görzke
Bahnhofsgebäude Karow
  
   
 

   

Um 1908 wurde ein altes Projekt wieder aufgegriffen. Jedoch setzte sich nach langen Querelen eine andere Variante durch. Nicht Genthin -Tucheim - Ziesar oder Genthin - Tucheim - Altengrabow solle gebaut werden, sondern Ziesar - Tucheim - Güsen. Darauf verständigten sich die Aktionäre auf ihrer Versammlung am 21.02.1914. Sie beschlossen außerdem die weitere Erhöhung des Stammkapitals auf nun 3,021 Millionen Mark und die erneute Umbenennung der KZG in "Ziesarer Kleinbahn AG". Auf Grund des Ersten Weltkrieges konnte diese Verbindung nur in mehreren Etappen eröffnet werden. Die gesamte Strecke wurde am 02.04.1917 in Betrieb genommen. Gleichzeitig entstand in Ziesar 800 m weiter südlich ein neuer Bahnhof, der näher am Stadtzentrum lag. Der bisherige Normalspurbahnhof Ziesar Ost wurde aufgegeben und die KJ I musste zum neuen Ziesarer "Hauptbahnhof" ein Gleis bauen und dort ein Umsetzgleis anlegen. Der Übergangsverkehr blieb jedoch gering. 1947 wurden die Schmalspurgleise ab Ziesar West stillgelegt und abgebaut. (zu einem kurzen Abriss zur KJ I in Ziesar)

Die angestrebte weitere Verlängerung von Görzke nach Wiesenburg/Belzig kam nicht zur Ausführung.

Schon seit Bestehen der KZG und GeK gab es ein gutes Verhältnis zwischen beiden Kleinbahnen. Dies wurde schließlich durch einen Vertrag, der eine gemeinsame Verwaltung, gemeinsame Betriebsführung sowie den Austausch von Betriebsmitten und Personal beinhaltete, geregelt. Am 28.3.1923 schließlich verschmolzen beide Gesellschaften zur Kleinbahn AG Genthin - Ziesar. Ab 05.11.1923 firmierten beide Kleinbahnen unter dem gemeinsamen Namen "Kleinbahn AG Genthin - Ziesar" mit Sitz in Genthin.  Der Name wurde am 12.11.1930 nochmals geändert in "Kleinbahn AG Genthin".

Als letzte Streckeneröffnung folgte am 25.03.1925 endlich die Verbindung der Strecken der ursprünglichen GeK und der KZG. Der Bau der Linie Güsen-Jerichow war als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bereits im Frühjahr 1919 begonnen, aber durch die einsetzende Inflation immer wieder unterbrochen worden.

Nach Inflation und Weltwirtschaftskriese stabilisierten sich die Betriebsergebnisse wieder. Die immer mehr aufkommende Konkurrenz des Kraftverkehrs machte sich aber bemerkbar. Wie bei vielen Kleinbahnen hatte auch die Strecke Wusterwitz - Görzke eine nahezu parallel verlaufende Landstraße in direkter Nachbarschaft.

  

Kleinbahnhof Groß Wusterwitz 1930 auf einer alten Postkarte, Foto: Slg. H.M.Waßerroth

    

Lageplan Bhf. Wusterwitz mit den Kleinbahnanlagen vom Februar 1933, Repro: © Slg. H.M.Waßerroth

 

Ausschnitt Deutsches Kursbuch Sommer 1936, 15. Mai bis 03. Oktober;  Repro: © H. M. Waßerroth

  

 

Triebwagen T 13 in Ziesar mit verdunkelten Laternen im Kriegsjahr 1943 abfahrbereit nach Görzke,

Foto: Slg. H.M.Waßerroth

  

Mit Näherrücken der Front im Frühjahr 1945 geriet auch die ex KZG in das Kampfgebiet. Ende April musste der noch verbliebene Verkehr der Bahn eingestellt werden. Nennenswerte Schäden an der Strecke waren nicht vorhanden, so dass der Verkehr in bescheidenem Umfang zwischen Wusterwitz und Görzke bereits am 22.05.1945 wieder aufgenommen werden konnte.

Die Verhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg brachten auch eine neue Organisation der Betriebsführung. Da die Betriebsverwaltung der Kleinbahn AG Genthin in der Provinz Sachsen, in Genthin angesiedelt war, wurden alle Strecken der AG der Hauptabteilung Wirtschaft der Provinz Sachsen unterstellt.

    

 

Ausschnitt Reichsbahn-Kursbuch Sowjetische Besatzungszone vom 04.11.1946; Repro: © H. M. Waßerroth
 

Zum 01.01.1947 übernahm dann die neu gegründete Sächsische Provinzbahnen GmbH die Betriebsführung.

Wie alle Kleinbahnen in der damaligen sowjetischen Besatzungszone, wurden auch die Genthiner Kleinbahnen am 01.04.1949 von der Deutschen Reichsbahn übernommen, somit auch die Strecken der ex KZG. Bald darauf, am 03.10.1951, wurde die schwach ausgelastete und eher unrentable Zweigstrecke Rogäsen – Karow zur Gewinnung von Oberbaumaterial stillgelegt und bis 1952 abgebaut.

Im Zuge einer Verwaltungsreform kamen im Jahre 1952 die Orte an der Strecke, die früher zum Landkreis Jerichow II (ab 1950 Kreis Genthin) in der Provinz Sachsen (ab 1947 Land Sachsen-Anhalt) gehörten, zum Bezirk Potsdam und damit 1990 zum Bundesland Brandenburg.

    

Ausschnitt DR-Kursbuch Sommer 1966, 22. Mai bis 24. September; Repro: © H. M. Waßerroth

      

Lok 24 009 wartet mit typischem Personenzug mit Güterbeförderung 1968 im Bahnhof der Kleinbahn in Wusterwitz auf die Abfahrt nach Ziesar, hinten das Bahnhofsgebäude der Staatsbahn, Foto: Slg H. M. Waßerroth

  

     der letzte Fahrplan von Wusterwitz nach Ziesar

Ausschnitt DR-Kursbuch Winter 1970/71, 27. September 1970 bis 22. Mai 1971; Repro: © H. M. Waßerroth

      

Mit Zunahme des Kraftverkehrs und Ausbau der Straßen kam es zu einer immer stärkeren Konkurrenz. Über die nahezu parallel verlaufende Landstraße Wusterwitz - Ziesar konnten die ohnehin nur schwachen Verkehrsleistungen der Bahn effizienter bewältigt werden. Der Fahrplan blieb aber über die letzten Jahre nahezu unverändert. Ohne große Anteilnahme der Bevölkerung gingen somit am 23.05.1971 auf der Stammstrecke der KZG von Wusterwitz nach Ziesar 70 Jahre Kleinbahngeschichte zu Ende.

 

Ausschnitt DR-Kursbuch Sommer 1971, 23. Mai bis 25. September 1971; Repro: © H. M. Waßerroth

   

Die Strecke wurde aber vorerst nicht abgebaut. Sie diente von 1972 ab von Wusterwitz bis Bücknitz zum Abstellen schadhafter und nicht mehr benötigter Güterwagen der Reichsbahn. Vornehmlich umgebaute O-Wagen für den Kalitransport und Kühlwagen wurden hier abgestellt und warteten auf ihre Verschrottung. Sogar die vorhandene Freileitung für den Streckenfernsprecher blieb erhalten und wurde weiter gepflegt. Unter vorgehaltener Hand galt diese Strecke trotz ihres schwachen Oberbaus als strategische Reserve für das Versorgungslager der Nationalen Volksarmee in Bücknitz und die 1934/35 errichtete Luft-Munitionsanstalt 4/III in Buckau an der Strecke von Ziesar nach Görzke, welche von den sowjetischen Besatzungstruppen nach 1945 für Bomben und Luft-Luft-Raketen weiter genutzt wurde. 

       

Zugewachsene Strecke in der Rampe vom Wusterwitzer (Gollwitzer) Höhenland hinunter zum Fiener Bruch bei Rogäsen, Aufnahme 24.05.1989, Foto: © H. M. Waßerroth

      

Nach und nach wurden die abgestellten Güterwagen wieder abgezogen und der Verschrottung zugeführt. Die Strecke bis Bücknitz verfiel in einen Dornröschenschlaf und wuchs langsam zu. Um 1988 erinnerte man sich der alten, nun wohl nicht mehr nötigen Schienen als wertvollen Schrott für die Volkswirtschaft. In der ersten Hälfte 1989 begann ab Wusterwitz der Rückbau der Strecke Richtung Ziesar mit Unterstützung des in der damaligen Reichsbahndirektion Magdeburg ansässigen Baubetriebes in Königsborn. Zuvor mussten die teilweise schon recht stattlichen Bäume im Gleis gerodet werden. Selbst die Politzeitung der Direktion Magdeburg berichtete über den Streckenabbau und den heroischen Einsatz der FDJ-ler beim Bergen des Schrottes für die FDJ-Aktion "Max braucht Schrott".

     

Entfernte Schienen während des Streckenrückbaus bei Rosenthal (Blickrichtung Warchau),

Aufnahme 24.05.1989, Foto: © H. M. Waßerroth

    

Bogen vor Warchau (Blickrichtung Warchau), in den Bögen wurden Anfang der 1960er Jahre die Schwellen auf Beton umgebaut mit dem damals typischen Federnagelbau, Aufnahme 24.05.1989, Foto: © H. M. Waßerroth

    

Ausschnitt aus "Der Funke" 11/1989, Repro: © H. M. Waßerroth

      

     

Bahnhof Wusterwitz, heute wachsen auf dem ehemaligen Kleinbahngelände bereits stattliche Bäume, Aufnahme 05.04.1999,

Foto: © H.M.Waßerroth

       

Die verbliebenen Gleise des Kleinbahn-Bahnhofs dienten Anfang der 1990er Jahre noch zum Abstellen der Bauwagen beim Streckenausbau Berlin - Magdeburg, dann waren sie nutzlos und wurden alsbald entfernt, Aufnahme 05.04.1999, © H.M.Waßerroth

     

Bei km 6,3 wurde mitten auf freiem Feld der Streckenrückbau plötzlich abgebrochen und man ließ die zum Abbau vorgesehenen Gleise bis Bücknitz vorerst einfach liegen. Durch die wirtschaftlichen Veränderungen in Folge des 09.11.1989 brach der Güterverkehr bei der Reichsbahn auch durch die zunehmende Verlagerung auf die Straße stark ein und viele Güterwagen wurden nicht mehr benötigt. Vor allem die für den Stückgutverkehr genutzten Gbs-Wagen waren überflüssig geworden. So nutzte man die noch verbliebenen Gleise zwischen km 6,3 und Bücknitz wieder zum Abstellen von überzähligen und ausgemusterten Güterwagen. Dies wurde aber bald zum öffentlichen Ärgernis der in der Nähe befindlichen Ortschaften. Die abgestellten Güterwagen entwickelten sich zu einem Eldorado für Vandalen und führten auch vermehrt zur Selbstbedienung durch Langfinger. Alles was irgendwie zu Geld gemacht werden konnte, wurde abgebaut und geklaut. Einige der Anwohner nutzten die Wagen sogar als günstige Mülldeponie, um ihre eigenen Müllgebühren zu sparen. Bis zum Ende 1993 wurden dann alle Wagen wieder abgefahren und verschrottet.

 

Abgestellte Güterwagen bei Rogäsen, Aufnahme 16.05.1991, Slg. H.M.Waßerroth

    

Schier endlos war die Wagenschlange der abgestellten Güterwagen hier bei Rogäsen im Fiener Bruch,

Aufnahme 16.05.1991, Slg. H.M.Waßerroth

 

Die ca. 120 abgestellten Wagen zwischen km 6,3 und Rogäsen waren die letzten Wagen, die die Strecke nutzten. Da auch die Rampe zur Gollwitzer Hochfläche mit Wagen voll gestellt wurde, hat man die Wagen an Unterbrechungen, zum Beispiel an Überwegen, talseitig mit einer Achse von den Schienen gehoben und so gegen ein Herabrollen gesichert. Am Ende des noch vorhandenen Gleises sollte ein Schwellenkreuz, ein Radvorleger und eine Sh 2-Scheibe den Gleisabschluss in mitten von Feldern sichern, was aber nichts nützte. Die letzten 2 Wagen wurden über das behelfsmäßige Gleisende hinaus geschoben. Beim Abziehen des Zuges wurden die beiden Wagen nicht wieder aufgegleist und verblieben somit an Ort und Stelle.

  

Die letzten 2 Güterwagen einsam und verlassen, die Telegraphenleitung scheint noch voll intakt, Aufnahme 1994,

Foto: © H.M.Waßerroth

    

Die letzten 2 Güterwagen, oder was davon noch übrig war, Aufnahme 05.04.1999, Foto: © H.M.Waßerroth

 

In einem großen Bogen erreichte die Strecke vom Wusterwitzer (Gollwitzer) Höhenland kommend den Bahnhof Rogäsen, nachdem alle alten Güterwagen abgezogen waren eroberte die Natur die Bahntrasse zurück,

Aufnahme 05.04.1999, Foto: © H.M.Waßerroth

 

Obwohl 6,3 km Strecke bereits im 1. Halbjahr 1989 abgebaut wurden, erfolgte erst zum 01.05.1996 die offizielle Stilllegung der Strecke Wusterwitz - Ziesar. Nachdem alle Güterwagen abgezogen waren und nach der Entwidmung der Bahnanlagen in Rogäsen war im Bahnhofsbereich Rogäsen für die dort niedergelassene Firma Stenger der Weg frei, ihre Produktionsanlagen zu erweitern. Bisher beschränkte man sich mit dem "Bahnhofsvorplatz". Das ursprüngliche Bahnhofsgebäude existierte schon lange nicht mehr.

Am Bahnhof Rogäsen firmierte unter der Adresse Am Bahnhof 2 vom 04.11.1902 bis 31.05.1971 die Dampfmolkerei Zitz-Rogäsen. Nach ihrer Schließung baute man das markante rote Backsteingebäude zu einer Keksbäckerei um, welche als Zweigbetrieb der Konsum-Waffelspezialbetrieb "Konsü" in Brandenburg an der Havel 1972 übernahm. 1989 kam für "Konsü" das Aus. Den Betrieb übernahm ab 1992 die Stenger Waffeln Rogäsen GmbH.

Ein neues Produktionsgebäude wurde im Bereich des Bahnsteiges zur Jahrtausendwende gebaut und reicht über die ehemalige Gleistrasse. Die Gleise von Rogäsen bis zum Ende in Km 6,3 wurden nach und nach entfernt. Auch die restlichen Gleise im Bahnhof Rogäsen bis zur Landstraße nach Zitz waren bald verschwunden.

(Anm.: Das noch heute an der Straße stehende rote Backsteingebäude der Waffelfabrik war nie, wie verschiedene Publikationen beharrlich behaupten und dabei nur voneinander abschreiben, das Bahnhofsgebäude von Rogäsen!)

 

Bahnhof Rogäsen, Blick in Richtung Wusterwitz, noch beschränkt die Firma Stenger sich auf die Fläche neben der Gleistrasse, sogar die Telegrafenmasten stehen noch, die Schienen sind unter der Vegetation kaum noch zu erkennen,

Aufnahme 05.04.1999, Foto: © H.M.Waßerroth

  

 

Bahnhof Rogäsen, auf dem linken Bild ist das Werksgebäude der Waffelfabrik (damals noch Konsü) gerade im Aufbau,

(zum Vergrößern Bild anklicken), Aufnahme 20.07.1989, Foto: © H. M. Waßerroth

     

Bahnhof Rogäsen, Blick in Richtung Ziesar mit Bahnübergang über die Landstraße nach Zitz, Aufnahme 05.04.1999,

Foto: © H.M.Waßerroth

     

Der Damm mit den Gleisen durch den Fiener bei Rogäsen (Blickrichtung Ziesar) erobert sich die Natur zurück, heute sind sie total zugewachsen, Aufnahme 05.04.1999, Foto: © H.M.Waßerroth

   

Bahnhof Rogäsen, Blick aus Richtung Ziesar über die Weiche 1, die neue Halle der Firma Stenger steht auf der Gleistrasse,

Aufnahme 05.03.2000, Foto: © H.M.Waßerroth

 

Bahnhof Rogäsen, Blick aus Richtung Wusterwitz, die Schienen wurden hier schon entfernt,

Aufnahme 05.03.2000, Foto: © H.M.Waßerroth

 

Auf der Strecke von Ziesar nach Görzke gab es nach der Betriebseinstellung zwischen Wusterwitz und Bücknitz weiterhin einen bescheidenen Personen- und Güterverkehr. Ziesar erreichte man hier noch per Bahn von Güsen aus. Übergabefahrten fuhren von Ziesar nach Bücknitz in das NVA-Versorgungslager.

       

Bahnhof Görzke um 1970, Foto: Slg. H.M.Waßerroth

      

P 1094 nach Ziesar, gezogen von einer V 22 in Görzke, Aufnahme 11.11.1972, Foto: © H.M.Waßerroth

      

     der letzte Fahrplan von Ziesar nach Görzke

Ausschnitt DR-Kursbuch Sommer 1973, 03. Juni bis 29. September 1973; Repro: © H. M. Waßerroth

      

Am 29.09.1973 endete dann auch der Personenverkehr zwischen Ziesar und Görzke. Nur die zahlreichen Holztransporte ab Görzke sicherten der Strecke das weitere Bestehen. Zwischen Bücknitz, Ziesar und Görzke wurde der Oberbau sogar noch grundlegend saniert, wie sich später herausstellte, auch mit Alkalischwellen.. 

 

Ausschnitt DR-Kursbuch Winter 1973/74, 30. September 1973 bis 23. Mai 1974; Repro: © H. M. Waßerroth

       

Obwohl nicht unerhebliche Investitionen in die Streckenunterhaltung und die Sicherungstechnik getätigt worden waren, endete der Güterverkehr nach Görzke am 31.12.1993. Der Holzversand ab Görzke erfolgte mittels LKW über die Straße und auch das Munitionslager in Buckau ist durch Abzug der Russen aufgegeben worden. Bis 1993 wurde auch der 1916 gebaute Lokschuppen in Ziesar als Außenstelle für Wartungsarbeiten und zum Unterstellen von Loks genutzt. 1996 sind alle verbliebenen Gebäude des einstigen Ziesarer Hauptbahnhofes (Bezeichnung von ca. 1930 bis 1965) als besonders erhaltungswürdig unter Denkmalschutz gestellt und in die Landesdenkmalliste aufgenommen worden. Gerade mit dem Lokschuppen hatte man viele Pläne einer musealen Nutzung. Aber es waren nur Pläne, mit der Umsetzung hapert es bis jetzt gewaltig. So verfält das Gebäude immer mehr und ist heute innerhalb der üppig wuchernden Vegetation kaum noch zu sehen. Im Inneren ist aber zu erkennen, dass teilweise Sicherungsarbeiten am Dachgebälk vorgenommen wurden.

          

Anlage 5 zu den Ausführungsbestimmungen zur Dienstvorschrift für den vereinfachten Nebenbahndienst der Rbd Magdeburg, gültig ab 28. September 1980; Repro: © H. M. Waßerroth
     

Bahnhof Buckau, Aufnahme Februar 2003 kurz vor Abbau der Gleise, Foto: © H.M.Waßerroth

  

Mit Ausbau der Autobahn A 2 bei Ziesar auf 3 Fahrspuren je Richtung war auch die Brücke über die Strecke nach Görzke davon betroffen. Der Landkreis Potsdam Mittelmark wollte sich die Option offen halten, die Strecke nach Görzke irgendwann eventuell zu reaktivieren. Trotz mehrerer Einsprüche, auch anderer Ämter, gegen den ersatzlosen Abriss der alten Brücke, fiel vom brandenburgischen Verkehrsministerium die Entscheidung, der Auffassung der Deges-Planungsgesellschaft zu folgen und keine neue Brücke zu bauen. So wurde die noch nicht abgebaute Strecke nach Görzke zur Inselstrecke.

 

 

Ein Zug nach Görzke mit ELNA-Lok 303 unterquert um 1943 die Autobahn, Foto: Slg H. M. Waßerroth

 

Blick aus Richtung Köpernitz auf die Autobahnbrücke, die neue Fahrbahn Richtung West war schon ohne Brücke,

Aufnahme Sommer 1999, Foto: © H.M.Waßerroth

   

Blick aus Richtung Ziesar auf die Autobahn, die neue Fahrbahn Richtung West ohne Brücke,

Aufnahme Sommer 1999, Foto: © H.M.Waßerroth

    

Im Bahnhof Ziesar endete der Güterverkehr von Güsen zum 1. Januar 1998. Der Personenverkehr von Güsen nach Ziesar hielt sich noch bis zum 29. Mai 1999. Das ehemalige NVA-Versorgungslager in Bücknitz war zwischenzeitlich von der Quelle AG übernommen worden. Der Abtransport der letzten beiden Dieselloks im Jahr 2000 war wohl die letzte offizielle Zugfahrt in Ziesar. Zum 1. Januar 2005 genehmigte dann das Eisenbahnbundesamt auch die dauerhafte Stilllegung der Bahnstrecke Güsen–Ziesar. Seit dem ist Ziesar wieder ohne Eisenbahnanschluss.

Mit Sanierung der Landstraße von der A 2 Anschlussstelle Ziesar bis Ziesar verschwand der Bahnübergang und im Sommer 2017 begannen die Rückbauarbeiten der Gleisanlagen im Bereich Tucheim.

  

 

Bahnhof Ziesar Anfang der 1990er Jahre, Foto: Slg H. M. Waßerroth

  

Bahnhof Ziesar: Anfang der 1990er Jahre machte er noch einen ordentlichen und gepflegten Eindruck,

 Foto: Slg H. M. Waßerroth

    

 

Bahnhof Ziesar 1999 kurz vor Betriebseinstellung, Foto: Slg H. M. Waßerroth

     

Bahnhof Ziesar Mai 1999: Schwellenkreuze, Gleise außer Betrieb und verwahrloste Anlagen - das Ende naht,

Foto: Slg H. M. Waßerroth

  

Bahnhof Ziesar, der Lokschuppen wurde 1996 zum Baudenkmal erklärt und dann sich selbst überlassen, Aufnahme Mai 1999,

Foto: Slg H. M. Waßerroth

       

 

Bahnhof Ziesar 1999 kurz vor Betriebseinstellung, links Einfahrt von Güsen, rechts Einfahrt von Görzke,

 Foto: Slg H. M. Waßerroth

      

 

Bahnhof Ziesar 1999 kurz vor Betriebseinstellung, nach Görzke fuhr schon längst kein Zug mehr,

 Foto: Slg H. M. Waßerroth

   

Um die Jahrtausendwende gab es Bestrebungen, die noch vorhandenen Anlagen der ex KZG Strecke Wusterwitz - Ziesar - Görzke für touristische Zwecke zu nutzen. Dazu gründete sich ein gemeinnütziger Verein "Ziesar-Bücknitzer Eisenbahn". Geplant war eine Nutzung der noch bestehenden Strecke von Ziesar über Bücknitz und durch das Fiener Bruch bis kurz vor Rogäsen als Fahrraddraisinenstrecke. Auch ein Museumsbetrieb war geplant. Im Jahr 2003 signalisierte die DB AG, dass man die Anlagen kaufen könne. Daraufhin begannen durch den Verein, auch als ABM-Maßnahme, Arbeiten zur Herrichtung der Strecke. Bücknitz erhielt einen Behelfsbahnsteig, Museumsfahrzeuge wurden beschafft und wieder mussten viele Bäume im Gleis gefällt werden. Zuerst wollte man nur bis zum Hauptgraben im Fiener Bruch fahren, da der Überbau der Brücke aus Stahl "verschwunden" war. Durch die Hilfe verschiedener Sponsoren konnte die Brücke durch eine Verrohrung ersetzt werden, so dass dann ca. 7 km Strecke nutzbar wurden.

 

Fehlende Brücke über den Hauptgraben im Fiener Bruch, Aufnahme 26.03.2000, Foto: © H.M.Waßerroth

 

Zur Materialgewinnung, aber auch zur Veräußerung der Schienen, um weitere Gelder für die Finanzierung der Vorhaben zu bekommen, wurde die Inselstrecke nach Görzke abgebaut.

Am 21.06.2003 war die offizielle Eröffnung der Museumsbahn "Ziesar-Bücknitzer Eisenbahn".

Kurz danach erhielt der Verein von der DB Services Immobilien GmbH in Berlin die Nachricht, dass man die Strecke doch gar nicht verkaufen wolle, obwohl sie offiziell zum Verkauf ausgeschrieben war. Der Verein hatte das Höchstgebot für die Strecke abgegeben und bereits einen Kaufvertrag zur Prüfung erhalten. Nun stellte die Bahn AG fest, dass kein Verkauf möglich sei (warum auch immer?) und keine Zusage erfolgte. Und falls sie denn doch gegeben worden sei, dann war das ein Irrtum. Die Investitionen in die Strecke von Ziesar nach Rogäsen waren in den Sand gesetzt und der voreilige Abbau der Strecke nach Görzke ging als großer Schienenklau in die Bahngeschichte ein.

     

Einfahrt in den Bahnhof Görzke, Aufnahme Februar 2003 kurz vor Abbau der Gleise, Foto: © H.M.Waßerroth

  

Der Lokschuppen im Bahnhof Görzke war schon längst nicht mehr an die Gleise angeschlossen, aber hier stand er noch

Aufnahme Februar 2003 kurz vor Abbau der Gleisanlagen, Foto: © H.M.Waßerroth

  

Von der Ziesar-Bücknitzer Eisenbahn spricht heute keiner mehr und die Fahrzeuge wurden wohl alle wieder veräußert. Der Bahnhof Ziesar ist heute ohne Gleise, aber die Strecke bis Rogäsen existiert noch. Das Bahnhofsgebäude Ziesar wurde im Dezember 2012 versteigert. Die noch erhaltenen Reste der ehemals als Buckautalbahn bekannten Strecke stehen heute auf der Landesdenkmalliste des Landes Brandenburg. - Was die Schrottdiebe aber nicht davon abhält, fleißig Material für die eigene Tasche zu klauen.  

   

 

Strecke im Wald bei Bücknitz, Aufnahme 26.03.2000, Foto: © H.M.Waßerroth

    

Gleiche Stelle, Aufnahme 24.04.2014, Foto: © H.M.Waßerroth

 

aus verschiedenen Quellen

bearbeitet und ergänzt von H. M. Waßerroth

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kurzer Abriss zur KJ I in Ziesar
weiter zu heutiger Zustand
Vers. 2.12.0. vom 10.09.2017

© Harumi Michelle Waßerroth